Die Operation „Wallenstein“ im Sommer 1944
Autor: Carlo Gentile und Aiko Hillen
Fotografien eines deutschen „Partisaneneinsatzes“ im Apennin
Diese Online-Ausstellung präsentiert bislang kaum veröffentlichte Fotografien aus der Partisanenbekämpfung im nördlichen Apennin im Sommer 1944. Die Aufnahmen entstanden im Zusammenhang mit der Operation „Wallenstein“, einer der größten deutschen Maßnahmen gegen den italienischen Widerstand in der Endphase der Besatzung.
Die Fotografien stammen von Bildberichterstattern der nationalsozialistischen Propagandakompanien, darunter Alfred (Fred) Rieder, Heinrich Freytag sowie die bislang nur mit ihren Nachnamen bekannten Fotografen Seyfarth, Lichter, Kohlroser und Beyer. Dass eine Partisanenoperation von mehreren Propagandafotografen begleitet wurde, war ungewöhnlich. Es verweist auf das Interesse der deutschen Führung, militärische Kontrolle sichtbar zu machen und den Kampf gegen den Widerstand propagandistisch zu legitimieren.
Gerade deshalb besitzen die Bilder einen doppelten Quellenwert. Sie zeigen militärische Bewegungen, Kontrollmaßnahmen, Zerstörungen und Begegnungen zwischen deutschen Soldaten und der italienischen Zivilbevölkerung. Zugleich lassen sie erkennen, wie dieser Krieg gesehen, geordnet und vermittelt werden sollte. Die Fotografien dokumentieren also nicht nur Abläufe der Besatzung, sondern auch deren propagandistische Inszenierung.
Fotografische Überlieferung und archivalische Fragmentierung
Die fotografische Überlieferung zur Operation „Wallenstein“ ist heute auf mehrere Archivbestände verteilt. Zentrale Serien befinden sich im Bildarchiv des Bundesarchivs in Koblenz, Bestand Bild 101 I–II, sowie im französischen Militärarchiv Établissement de communication et de production audiovisuelle de la Défense (ECPAD) in Ivry-sur-Seine.
Diese heute getrennt überlieferten Serien gehen ursprünglich auf denselben Entstehungszusammenhang zurück. Die Aufnahmen wurden im Sommer 1944 von Bildberichterstattern angefertigt, die deutsche Einheiten während der Operation begleiteten. Sie gehörten zunächst zu einem zentral verwalteten Bildbestand der deutschen Kriegspropaganda.
Die heutige Zersplitterung ist das Ergebnis von Kriegsverlusten, Zerstörungen und der Beschlagnahme deutschen Bildmaterials durch alliierte Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Teile der Negativbestände gelangten nach Frankreich und wurden dort archiviert, während andere Serien in deutschen Beständen verblieben. Die archivalische Trennung ist somit kein ursprünglicher Zustand, sondern ein nachträglicher Befund, der die historische Rekonstruktion bis heute prägt.
Für diese Ausstellung wurden die relevanten Serien beider Bestände systematisch ausgewertet und virtuell zusammengeführt. Besonders umfangreich ist das Bildmaterial zur ersten Phase der Operation, „Wallenstein I“, erhalten geblieben. Zur zweiten Phase, „Wallenstein II“, ist bislang kein Bildmaterial nachweisbar; ob entsprechende Serien verloren gingen oder nie entstanden sind, bleibt offen. Zur dritten Phase, „Wallenstein III“, existieren im Bundesarchiv zwei geschlossene Filmrollen des Fotografen Seyfarth, Bild 101 I/480/2230 und Bild 101 I/480/2231, die einen zusammenhängenden Bildzyklus aus dem Raum Montefiorino dokumentieren.
Der Quellenwert dieser Bestände liegt nicht nur im einzelnen Foto, sondern vor allem in ihrer seriellen Struktur. Die erhaltenen Filmfolgen ermöglichen es, Bewegungsabläufe, Motivwiederholungen und Perspektivwechsel innerhalb einer Aufnahmefolge nachzuvollziehen. Zugleich bleiben deutliche Überlieferungslücken bestehen. Der erhaltene Bestand zeigt daher nur einen Ausschnitt des ursprünglich produzierten Materials.
Fotografien als Quellen der Wahrnehmung
Die Fotografien werden in der Reihenfolge gezeigt, in der sie auf den erhaltenen Filmstreifen überliefert sind. Diese editorische Entscheidung folgt der ursprünglichen Sequenz der Aufnahmen und ermöglicht Rückschlüsse auf zeitliche Abläufe und situative Zusammenhänge, auch wenn diese nicht immer aus dem einzelnen Bild hervorgehen.
Zugleich ist zu berücksichtigen, dass es sich um Propagandafotografie handelt. Auswahl, Perspektive und Motivwahl folgten bereits bei der Aufnahme bestimmten publizistischen und politischen Zielsetzungen. Die Bilder zeigen daher nicht einfach, was geschah. Sie zeigen auch, was sichtbar gemacht werden sollte – und was außerhalb des Bildes blieb.
Heute erscheinen diese Fotografien weniger als militärische Dokumente im engeren Sinne denn als Quellen der Wahrnehmung. Ihre Aussagekraft liegt nicht allein im dokumentierten Geschehen, sondern auch in der Perspektive, aus der dieses Geschehen dargestellt wurde. Gerade deshalb ermöglichen sie Einblicke in die Routinen der Besatzung, in die Praxis der Partisanenbekämpfung und in die visuelle Selbstinszenierung deutscher Gewalt im besetzten Italien.
Bibliographie
Giovanni De Luna / Adolfo Mignemi (Hrsg.), Storia fotografica della Repubblica sociale italiana, unter Mitarbeit von Carlo Gentile, Turin, Bollati Boringhieri, 1997.
Carlo Gentile, Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945, Paderborn, Ferdinand Schöningh Verlag, 2012, S. 166–169.
Carlo Gentile, La Wehrmacht in Toscana. Immagini di un esercito di occupazione (1943–44), Rom, Carocci, 2006.
Ermanno Gorrieri, La repubblica di Montefiorino. Per una storia della Resistenza in Emilia, Bologna, il Mulino 1966.
Claudio Silingardi, Una provincia partigiana. Guerra e Resistenza a Modena 1940–1945, Milano, Franco Angeli, 1998.
© Projekt "Die Massaker im besetzten Italien (1943–45) in der Erinnerung der Täter“
2026