Operation „Wallenstein“: Strategie, Durchführung und Folgen
Autor: Carlo Gentile
Wie reagierten die deutschen Streitkräfte im Sommer 1944 auf den zunehmenden Kontrollverlust im nördlichen Apennin? Mit der Operation „Wallenstein“ unternahm die Wehrmacht einen der umfassendsten Versuche, die militärische Kontrolle über die strategisch wichtigen Bergregionen des Apennins wiederherzustellen und zugleich die im Bau befindliche Gotenlinie zu sichern. Die Maßnahme war Teil einer umfassenderen Neuordnung der deutschen Verteidigungsstrategie in Italien, die auf eine Stabilisierung der Front und die Sicherung des rückwärtigen Raums zielte.
Nach dem alliierten Durchbruch bei Cassino und der Einnahme Roms im Juni 1944 verlagerten sich die deutschen Verteidigungsanstrengungen zunehmend auf den Apennin. Die dort verlaufenden Passstraßen und Talverbindungen gewannen für die Versorgung der Frontstellungen erheblich an Bedeutung, da sie als zentrale Nachschubachsen zwischen Nord- und Mittelitalien fungierten. Gleichzeitig nahmen Angriffe von Partisanenverbänden auf Verkehrswege, Brücken und Transporte spürbar zu. Die Sicherung dieser Räume wurde daher zu einer zentralen Voraussetzung für den geplanten Rückzug auf die neue Hauptverteidigungslinie und für die Aufrechterhaltung der militärischen Beweglichkeit im rückwärtigen Frontgebiet. In dieser Situation verband sich die Bekämpfung des Widerstands eng mit strategischen Überlegungen zur Stabilisierung der gesamten deutschen Front in Italien.
Geplant wurde die Operation vom Kommando der Luftflotte 2 unter Feldmarschall Wolfram von Richthofen, dessen Hauptquartier sich im Kurort Salsomaggiore nahe Parma befand. Die operative Leitung übernahm Luftwaffengeneral Walter von Hippel, der zuvor für die Flugabwehr in Mittelitalien verantwortlich gewesen war. Anders als bei früheren Partisanenbekämpfungsmaßnahmen lag die Gesamtverantwortung damit nicht bei SS- und Polizeiführern, sondern bei der Luftwaffenführung. Für die Durchführung der Operation wurden daher in erheblichem Umfang Luftwaffenverbände herangezogen, die infolge des alliierten Vormarsches aus Mittelitalien abgezogen worden waren und nun für Sicherungs- und Bekämpfungseinsätze im Hinterland eingesetzt wurden.
Zusammensetzung und Herkunft der eingesetzten Verbände
Die Operation „Wallenstein“ umfasste etwa 5.000 bis 6.000 deutsche Soldaten. Die für die Rückeroberung der Apennintäler eingesetzten Verbände bestanden überwiegend aus nicht frontverwendungsfähigen Einheiten der Luftwaffe, insbesondere aus Flughafenpersonal, das infolge des alliierten Vormarsches aus Mittelitalien abgezogen worden war.
Viele dieser Soldaten wurden aus Mittelitalien sowie aus Ligurien, dem Piemont und der Poebene in den Apennin verlegt. Zum Einsatz kamen schwere und leichte Flak-Abteilungen, Scheinwerfereinheiten, Luftnachrichteneinheiten sowie Ausbildungseinheiten der Luftwaffe, die ursprünglich für Aufgaben im rückwärtigen Raum vorgesehen gewesen waren und nun für infanteristische Sicherungs- und Bekämpfungseinsätze eingesetzt wurden.
Ergänzt wurden diese Kräfte durch Spezialeinheiten wie das Luftwaffen-Jäger-Bataillon z.b.V. 7. Dieses Disziplinarbataillon war bereits zuvor bei Sicherungs- und Bekämpfungsmaßnahmen in Italien eingesetzt worden, unter anderem im September 1943 während des Volksaufstands in Neapel sowie im Winter 1943/44 im westlichen Piemont und später an der Front bei Anzio.
An den Operationen nahmen zudem Polizeieinheiten teil, die seit Juni 1944 die Hauptstraßen im rückwärtigen Raum sicherten, sowie die Festungsbrigade von Oberst Kurt Almers, die in der Umgebung von La Spezia und in der nördlichen Toskana stationiert war. Trotz ihrer zahlenmäßigen Stärke waren diese Verbände nur bedingt für den Kampf im Gebirge ausgebildet und daher nur eingeschränkt für die Bekämpfung mobiler Partisanenverbände geeignet.
Operative Zielsetzung und Durchführung der Operationen
Ziel der Operation „Wallenstein“ war es, die Bewegungsfreiheit der Partisanenverbände im nördlichen Apennin einzuschränken, deren Versorgungsräume zu zerstören und die rückwärtigen Verbindungen für den geplanten Rückzug auf die Gotenlinie militärisch zu sichern. Die Durchführung erfolgte in drei aufeinanderfolgenden Phasen zwischen Ende Juni und Anfang August 1944, die sich jeweils gegen als „Bandengebiete“ definierte Bergregionen richteten.
In der ersten Phase, Wallenstein I (30. Juni – 7. Juli 1944), führten deutsche Einheiten großangelegte Durchkämmungsaktionen in den Bergregionen südlich von Parma und Reggio Emilia durch. Besonders gravierend waren dabei die Zerstörungen an Gebäuden und Vorräten, die vielfach durch Brand vernichtet wurden. Zu Erschießungen kam es wiederholt in Orten der Provinzen Parma, Piacenza und Massa. Dabei wurden gefangene Partisanen häufig nach Abschluss der Operation getötet, etwa im Raum Pontremoli und Aulla auf der toskanischen Seite des Apennins, wo insgesamt 37 Menschen ums Leben kamen. Hinzu traten sogenannte Vergeltungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung von Bergdörfern im Anschluss an Gefechte mit Partisanen: So wurden in Neviano degli Arduini 33 Zivilpersonen erschossen, fünf in Palanzano, fünf in Corniglio und 16 in Monchio delle Corti im Westen der Provinz Parma. Die eigenen Verluste gaben die deutschen Truppen im Rahmen von Wallenstein I mit fünf Toten sowie siebzehn Verwundeten und Vermissten an.
Noch verlustreicher verlief Wallenstein II (18.–29. Juli 1944), auch für die eingesetzten deutschen Verbände. Am 8. Juli 1944 verlor ein Festungs-Bataillon bei Varese Ligure 16 Soldaten. Am 11. Juli geriet eine Scheinwerfer-Abteilung der Flak bei der Ortschaft Pelosa an der Grenze zwischen Ligurien und Emilia in einen Partisanenüberfall und erlitt dabei schwere Verluste; am Ende des Gefechts wurden 31 Tote gezählt. Als Todesursache werden bei einigen Luftwaffensoldaten Genickschüsse und Schädelzertrümmerungen durch Gewehrkolben genannt. Dies deutet darauf hin, dass verwundete Soldaten von den Partisanen nach dem erfolgreichen Überfall gezielt getötet wurden, was gegen das geltende Kriegsrecht verstoßen hätte.
Solche Gefechtsverluste wirkten innerhalb der deutschen Partisanenbekämpfung als Eskalationsfaktoren. In der Logik der deutschen Repressionspraxis wurden eigene Verluste häufig zum Anlass für sogenannte Vergeltungsmaßnahmen genommen, die sich nicht gegen bewaffnete Gegner, sondern unterschiedslos gegen die Zivilbevölkerung richteten. In unmittelbarer Reaktion auf den Überfall bei Pelosa wurden mehrere Ortschaften in der Umgebung der Gefechtsorte durch Brand zerstört; zwischen dem 11. und 18. Juli wurden dort etwa 20 Zivilpersonen erschossen. Auch entlang des weiteren Marschwegs der betroffenen Einheit kam es in abgelegenen Bergregionen zu Morden an Unbeteiligten. So wurden in Santa Maria del Taro 18 Menschen ermordet, in Strela 17 und in Berceto acht Männer erschossen.
Was waren die Kosten der Operation „Wallenstein“ für die betroffenen Gebiete? Die Maßnahmen forderten insgesamt 156 zivile Opfer sowie 70 getötete Partisanen; zahlreiche Dörfer und Gehöfte wurden in Brand gesetzt. Darüber hinaus wurden Tausende Zivilpersonen festgenommen und zur Zwangsarbeit herangezogen, während Plünderungen und die Beschlagnahmung von Viehbeständen zur Versorgung der Besatzungstruppen weit verbreitet waren. Trotz des erheblichen militärischen Aufwands gelang es den deutschen Streitkräften nicht, die Partisanenbewegung dauerhaft zu zerschlagen; die Operationen hinterließen vielmehr nachhaltige Zerstörungen in den betroffenen Gemeinden.