Aufbruch in den Widerstand: Die ersten Monate der Resistenza
Autor: Milan Spindler
Am 12. September 1943 wurde Benito Mussolini aus italienischer Gefangenschaft befreit. Nur wenige Tage später, am 23. September, rief er mit deutscher Unterstützung die Repubblica Sociale Italiana (RSI) als faschistischen Satellitenstaat ins Leben. Die ersten Widerstandsgruppen sahen sich damit zwei Gegnern gegenüber: der deutschen Besatzungsmacht und den faschistischen Kräften der RSI. Mit einem Erlass vom 9. November 1943 versuchte die RSI, junge Männer zum Dienst in der faschistischen Armee zu verpflichten. Für viele war dies Anlass zur Flucht in die Berge, wo sie sich den ersten Partisaneneinheiten anschlossen. Die Wehrpflicht trug damit ungewollt zur Stärkung der Widerstandsbewegung bei, die den Verweigerern Zuflucht, materielle Unterstützung und die Möglichkeit zum bewaffneten Kampf bot.
Aufgrund der Unerfahrenheit vieler Neuankömmlinge kam es jedoch zu zahlreichen Verhaftungen, viele Gruppen wurden zerschlagen. Ohne Unterstützung durch die Alliierten und die königliche Regierung in Süditalien, die dem Partisanenkampf zunächst mit Skepsis begegneten, mussten sich diese Gruppen im Winter 1943/44 nahezu vollständig auf eigene Ressourcen stützen. Mangelnde Versorgung und Bewaffnung führten ebenso wie Disziplinprobleme und die Hoffnung auf baldige Heimkehr zur Auflösung vieler Einheiten nach nur kurzer Zeit.
Ein erster spontaner städtischer Aufstand gegen die Besatzer fand Ende September 1943 in Neapel statt. Die „Quattro Giornate di Napoli“ vom 27. bis 30. September 1943 gingen als symbolträchtiger Moment des Widerstands in die Geschichte ein. Die Bevölkerung erhob sich gegen Deportationen zur Zwangsarbeit und die systematische Zerstörung von Industrieanlagen. Die Wehrmacht war auf den Widerstand nicht vorbereitet und musste bereits am 1. Oktober 1943 aus der Stadt abziehen.
Zwischen dem 14. und dem 16. November 1943 kam es auch in Norditalien zu ersten Kampfhandlungen zwischen den deutschen Truppen und den frühen Partisanengruppen um den Monte San Martino in der Provinz Varese beim Lago Maggiore. Angehörige der italienischen Streitkräfte hatten sich unter dem Kommando von Carlo Croce nach dem 8. September dorthin zurückgezogen und verschanzt. Im November 1943 begannen die deutschen Streitkräfte zusammen mit italienischen Kollaborateuren mit der Belagerung und dem Durchkämmen des Gebietes. Auch die Luftwaffe wurde gegen die unterlegenen Partisanen eingesetzt. Einigen von ihnen gelang die Flucht in die Schweiz, andere wurden gefangen genommen und teilweise erschossen. Die Kapelle auf dem namensgebenden Monte San Martino wurde nach Beendigung der Kämpfe gesprengt
Die Partisanengruppen des Herbstes 1943 spiegelten die politische Vielfalt der Resistenza: Während einige auf einen radikalen Bruch mit der faschistischen Vergangenheit setzten, strebten andere eine nationale Versöhnung und eine Rückkehr zu den Verhältnissen der Vorkriegszeit an. Uneinigkeit über die Zukunft Italiens, über das Verhältnis zur Monarchie und zur Regierung in Süditalien prägte auch das CLN. Diese Differenzen wurden jedoch vorerst dem gemeinsamen Ziel des militärischen Widerstands untergeordnet.
Im schwierigen Winter 1943/44 brachen diese Spannungen nicht offen aus. Trotz aller Widrigkeiten festigten sich Organisation und Widerstandskraft der Gruppen. Der langsame Vormarsch der Alliierten und der beginnende Winter ermöglichten es den Besatzungstruppen, gezielter gegen Partisanen vorzugehen. Doch durch ihre Beweglichkeit und enge Einbindung in die lokale Bevölkerung entzogen sich viele Gruppen den Durchkämmungsaktionen und überstanden den Winter – ein entscheidender Schritt für das spätere Wachstum der Resistenza im Frühjahr 1944.