Italien erinnert sich: Wandel und Konflikte im Gedenken an die Resistenza

Autor: Milan Spindler

Die Erinnerung an die Resistenza in Italien ist vielschichtig und seit Jahrzehnten Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Debatten. Unmittelbar nach dem Krieg wurde sie von den antifaschistischen Kräften als nationaler Befreiungskampf verstanden – als Widerstand gegen die deutsche Besatzung und das faschistische Regime. Der 25. April, der Tag der Befreiung, wurde zum nationalen Feiertag erklärt und jährlich mit Gedenkveranstaltungen begangen. 

Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde der 25. April an zahlreichen Orten Italiens gefeiert, wie etwa mit einem Demonstrationszug in Udine am 25. April 1946. 1949 wurde der 25. April ein landesweiter Feiertag und genießt einen besonderen Stellenwert in der italienischen Linken © Istituto Friulano Storia Movimento Liberazione, Fondo Fotografico Lizzero, Mario "Andrea", IFSML_FFLM_042_0346_R

Bereits in den späten 1940er Jahren rückten erste Ausstellungen und Erinnerungsberichte den Mut und das Leid der Partisaninnen und Partisanen in den Mittelpunkt.

Die Erinnerung an den Widerstand wurde jedoch bald durch die Frontlinien des Kalten Krieges geprägt. Obwohl sich viele Partisanengruppen aus christdemokratischem oder republikanisch-liberalem Milieu speisten, dominierte in der öffentlichen Wahrnehmung die Verbindung zur Kommunistischen Partei (PCI). Diese Wahrnehmung verstärkte sich in den 1960er Jahren, als Mitte-Links-Regierungen begannen, die Resistenza als identitätsstiftendes Element der Republik zu betonen. In Literatur, Musik, Film und bildender Kunst wurde sie zum Symbol des antifaschistischen Kampfes und eines neuen nationalen Selbstverständnisses. Romane, Lieder und Filme aus dieser Zeit trugen zur Mythenbildung bei. Viele ehemalige Partisaninnen und Partisanen machten politische Karrieren in Parteien, Gewerkschaften oder zivilgesellschaftlichen Organisationen.

An vielen Orten in Italien, selbst in kleineren Dörfern, erinnern heute Denkmäler, Plaketten oder auch Kunstwerke an gefallene oder ermordete Partisaninnen und Partisanen. Oft finden sie sich an der Stelle des Todes oder in den Heimatorten der Verstorbenen. Denkmal für das Leiden der Bevölkerung unter deutscher Besatzung in Reggio Emilia © Istoreco Reggio Emilia, 0967 Foto, album 05

Ab den 1980er Jahren mehrten sich Versuche, auch die Anhänger der faschistischen Repubblica Sociale Italiana (RSI) in eine vermeintlich ausgewogene Erinnerungskultur einzubeziehen. Diese Entwicklungen führten zu einer Relativierung: Der Widerstand und die Kollaboration wurden einander gegenübergestellt, die Rolle der RSI-Anhänger als ideologisch motivierte Patrioten hervorgehoben, während Gewaltakte der Resistenza stärker betont wurden.

1991 stellte der Historiker Claudio Pavone mit seinem Werk über die „drei Kriege“ die dominante Erinnerung an die Resistenza als reinen Befreiungskampf infrage. Er unterschied zwischen einem nationalen Unabhängigkeitskrieg gegen die deutsche Besatzung, einem Klassenkampf gegen wirtschaftliche Eliten und einem Bürgerkrieg gegen die italienischen Faschisten. Diese Perspektive rückte soziale und ideologische Spannungen innerhalb der Resistenza in den Fokus und verwies auch auf die Gewalt gegenüber Unternehmern und Großgrundbesitzern.

Seit den 2000er Jahren haben sich staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure verstärkt darum bemüht, das Erbe der Resistenza als Teil des kollektiven Gedächtnisses und der nationalen Identität zu bewahren. Gedenkstätten wurden aufgewertet, öffentliche Feiern vereinheitlicht, und der europäische Kontext stärker betont – insbesondere im Hinblick auf die deutsch-italienischen Beziehungen. Mit dem Tod der letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verlagerte sich die Erinnerung zunehmend auf symbolische Formen: Denkmäler, historische Orte und Gedenkveranstaltungen.

In den letzten Jahren sorgten politische Kräfte aus dem rehten Spektrum wiederholt für Kontroversen, indem sie den italienischen Faschismus relativierten oder ihn in einem milderen Licht darstellten. Diese Tendenzen führten zu Spannungen in der öffentlichen Auseinandersetzung um den 25. April, der als Symbol für den Widerstand gegen Faschismus und Besatzung neu verhandelt wird.

Die Erinnerung an die Resistenza bleibt damit politisch umkämpft. Ihre Deutung ist weiterhin von gesellschaftlichen Konflikten geprägt – zwischen dem Anspruch auf historische Anerkennung und Versöhnung einerseits und revisionistischen Tendenzen andererseits.

Seitenanfang