NS-Täterforschung
Autor: Aiko Hillen
Perspektiven, Probleme und Erkenntnisse
Die Forschung zu nationalsozialistischen Tätern hat sich seit den 1990er Jahren zu einem eigenständigen Feld innerhalb der NS- und Holocaustforschung entwickelt und das Verständnis der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen vertieft. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie und warum sich Menschen an Verfolgung, Deportation und Massenmord beteiligten. Analysiert wird das Zusammenspiel von Ideologie, bürokratischer Organisation, sozialer Dynamik und individuellen Handlungsspielräumen.
Untersucht werden nicht nur führende Funktionäre des NS-Regimes, sondern auch Angehörige unterer Ränge aus Polizei, Verwaltung, Wehrmacht und SS sowie Mitglieder kollaborierender Gruppen in den besetzten Gebieten. Als Motive lassen sich ideologische Überzeugungen, persönliche Vorteile, sozialer Anpassungsdruck und Mitläufertum identifizieren. Staatlich organisierte und individuell motivierte Gewalt waren häufig eng miteinander verflochten und verstärkten sich gegenseitig.
Zentrale Themen sind politische und soziale Sozialisationsprozesse, die Normalisierung von Gewalt, die Funktion von Antisemitismus und Feindbildern, kriegsbedingte Eskalationsdynamiken und individuelle Entscheidungsprozesse. Hinzu kommt das Interesse an der Frage, wie Täter nach 1945 ihre Taten erinnerten, verdrängten oder rechtfertigten und deren Integration in die Nachkriegsgesellschaft.
Dabei steht die Täterforschung vor erheblichen methodischen Herausforderungen. Die Quellenlage ist häufig begrenzt oder einseitig. Zahlreiche Erkenntnisse beruhen auf Aussagen aus Ermittlungsakten, die unter spezifischen politischen oder persönlichen Bedingungen entstanden sind. Insbesondere zu Tätern aus unteren Diensträngen sowie zu weiblichen Tätern fehlen häufig persönliche Dokumente wie Briefe oder Tagebücher. Die Forschung ist daher vielfach auf indirekte oder fragmentarische Zeugnisse angewiesen.
Trotz offener Fragen hat die Täterforschung dazu beigetragen, stereotype Vorstellungen von NS-Tätern als „Randgestalten“ oder „Bestien“ zu korrigieren. Sie zeigt, dass die nationalsozialistischen Verbrechen von einer Vielzahl gesellschaftlich integrierter Personen mitgetragen wurden. Deren Lebensläufe, Einstellungen und Handlungsspielräume lassen sich nur durch eine differenzierte Analyse verstehen. Die Verbindung historischer, sozialwissenschaftlicher und psychologischer Ansätze eröffnet dabei neue Perspektiven auf die Bedingungen und Dynamiken massenhafter Gewalt.
Entwicklungslinien der NS-Täterforschung
Der Historiker Gerhard Paul hat Anfang der 2000er Jahre einen Forschungsüberblick zum Stand der Täterforschung verfasst. Er unterscheidet fünf Phasen in der Entwicklung der Täterforschung. In der ersten Phase bis Anfang der 1960er Jahre dominierte die Distanzierung durch Kriminalisierung und Dämonisierung. Die Nürnberger Prozesse machten SS und Gestapo zu Hauptschuldigen, einzelne Täter wurden als abnorm dargestellt, während die deutsche Gesellschaft entlastet wurde. Der Mythos eines klaren Befehlsapparats und eines totalitären Terrorsystems verfestigte sich. Durch die Alliierten wurde dieses Narrativ weiter verstetigt, da sie die komplexen Strukturen des Nationalsozialismus auf vereinfachte Muster reduzierten, um individuelle Tatbeteiligung überhaupt juristisch erfassen zu können.
In der zweiten Phase, von den 1960er bis in die 1980er Jahre, rückte der Täter als bürokratischer Technokrat in den Mittelpunkt. Verantwortung wurde strukturellen Zwängen zugeschrieben. Die Politologin Hannah Arendt prägte mit ihrer Analyse des Eichmann-Prozesses das Bild des emotionslosen Schreibtischtäters. Raul Hilberg, Pionier der Holocaustforschung widersprach dieser Sichtweise und betonte, dass viele NS-Funktionäre nicht nur Befehle ausführten, sondern eigeninitiativ den Holocaust vorantrieben.
Frank Bajohr, einer der prägenden Vertreter der neueren Täterforschung in der Bundesrepublik kritisiert, dass bis in die 1980er Jahre der Holocaust eher interpretiert als systematisch erforscht wurde, was charakteristisch für diese dritten Phase ist, wo die Debatte zwischen Intentionalisten und Funktionalisten im Vordergrund stand. Während Erstere einen frühen, zentralen Vernichtungsplan Hitlers annahmen, betonten Letztere den unkoordinierten, sich dynamisch radikalisierenden Charakter der NS-Politik. Martin Broszat und Hans Mommsen, führende Vertreter der sozialgeschichtlichen NS-Forschung, lenkten den Blick auf konkurrierende Eliten jenseits der NS-Spitze und trugen zu einer gesellschaftshistorischen Perspektive bei. Trotz fehlenden Führerbefehls bleibt das Diktum: Ohne Hitler kein Holocaust.
Der Historiker Ulrich Herbert analysierte mit seiner Studie zu Werner Best eine Tätergeneration, die vom Ersten Weltkrieg geprägt, akademisch ausgebildet und in völkischen Milieus sozialisiert war. Viele dieser Männer gelangten nach 1933 in zentrale Positionen des Reichssicherheitshauptamtes. Das Täterverhalten resultierte laut Herbert aus dem Zusammenspiel von Ideologie, institutionellem Handeln und situativer Dynamik. Als Leiter der Hamburger Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus beeinflusste er auch den Historiker Michael Wildt, der diese Perspektive mit seiner Untersuchung der „Generation des Unbedingten“ erweiterte und die ideologische Entschlossenheit dieser Funktionäre hervorhob.
Ab den 1990er Jahren begann die vierte Phase der Täterforschung, in der der Diskurs um soziale, kulturelle und biografische Faktoren erweitert wurde. Im Zentrum stand nun die Frage, wie Menschen in konkreten Lebens- und Handlungskontexten zu Tätern wurden. Geprägt war diese Phase durch die Arbeiten des Historikers Christopher Browning und dem Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen sowie durch die Wehrmachtsausstellung. Zudem rückte mit dem Ende der Sowjetunion die deutsche Besatzung in Osteuropa stärker in den Blick, da neue Quellen und Forschende aus der Region neue Perspektiven eröffneten.
Die gegenwärtige fünfte Phase ist von dem Versuch geprägt, bestehende Ansätze zu verbinden. Im Zentrum steht das Zusammenspiel individueller Entscheidungen, institutioneller Abläufe und kollektiver Mentalitäten.
Bibliographie
Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München, Piper, 2013 [1963].
Frank Bajohr, Täterforschung: Ertrag, Probleme und Perspektiven eines Forschungsansatzes, in: Ders. (Hrsg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2015, S. 167-185.
Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, 7. Auflage, erweiterte Neuausgabe, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch, 2013 [1992].
Martin Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, 12. Auflage, München, Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), 1989 [1969].
Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin, Siedler, 1996.
Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903-1989, München, C.H.Beck, 2016.
Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, neue und ergänzte Ausgabe mit Vorwort von René Schlott, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2023 [1961].
Thomas Kühne, Massen-Töten. Diskurse und Praktiken der kriegerischen und genozidalen Gewalt im 20. Jahrhundert, in: Peter Gleichmann, Thomas Kühne (Hrsg.), Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert, Essen, Klartext, 2004, S. 11-54.
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Hans Mommsen, Von Weimar nach Auschwitz. Zur Geschichte Deutschlands in der Weltkriegsepoche. Ausgewählte Aufsätze, Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999.
Gerhard Paul, Von Psychopathen, Technokraten des Terrors und „ganz Gewöhnlichen“ Deutschen. Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: Ders. (Hrsg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, 3. Auflage, Göttingen, Wallstein, 2008, S. 13-90.
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Michael Wildt, Von Apparaten zu Akteuren. Zur Entwicklung der NS-Täterforschung, in: Angelika Benz, Marija Vulesica (Hrsg.), Bewachung und Ausführung. Alltag der Täter in nationalsozialistischen Lagern, Berlin, Metropol, 2011, S. 11-22.