Angela Maria Rossi wird am 27. Mai 1944 in Fiuggi (Rom) wegen des Vorwurfs, Soldaten vergiftet zu haben, hingerichtet. Rechts stehen teilnahmslose Luftwaffenangehörige, links drängen sich fassungslose Zivilpersonen. Die gut sichtbare Hinrichtung diente als kommunikativer Akt der Gewalt. © Bundesarchiv, Bild_101I-476-2053-13 / Fot. Brüning

Gewaltsoziologie

Autor: Aiko Hillen

Gewalt beschreiben. Theorien der Gewaltphänomenologie.

Eine einflussreiche Strömung der Gewaltforschung geht auf den Sozialphilosophen Heinrich Popitz zurück. Er versteht Gewalt als unmittelbaren Ausdruck von Macht und als gezielte Verletzungshandlung. Im Zentrum seiner „Phänomenologie der Gewalt“ stehen die körperliche Präsenz, die Beziehung zwischen Täter und Opfer sowie die situative Eingebundenheit des Handelns. Gewalt besitzt für ihn eine eigene expressive Qualität, die über bloße Zweck-Mittel-Verhältnisse hinausreicht.

Diese Perspektive wurde von Trutz von Trotha, Wolfgang Sofsky und Jan Philipp Reemtsma aufgenommen und weiterentwickelt. Gemeinsam ist ihren Ansätzen die Abkehr vom Verständnis der Gewalt als Ausnahmeerscheinung. Gewalt wird vielmehr als spezifische Form sozialen Handelns begriffen, die sich unter bestimmten Bedingungen verselbstständigen kann.

Der Sozio- und Ethnologe Trutz von Trotha betont die Eigendynamik der Gewalt, die sich von ursprünglichen Intentionen ablösen und aus dem sozialen Rahmen herauslösen kann, der sie zunächst strukturierte. Er hebt zudem die körperliche Nähe zwischen Täter und Opfer hervor. Gewalt entsteht in einer leiblich vermittelten Beziehung, in der Schmerz nicht nur physisch, sondern auch psychisch in die Integrität der betroffenen Person eingreift.

© Princeton University Press, New Jersey, 1997

Der Soziologe und Gewaltforscher Wolfgang Sofsky knüpft an Popitz’ Machtbegriff an, richtet seinen Fokus jedoch auf die Organisation der Gewalt im Konzentrationslager. In seiner Analyse entwickelt er das Konzept der „absoluten Macht“. Gewalt dient hier keinem äußeren Zweck mehr, sondern wird zum Selbstzweck. Sie wird nicht begrenzt, sondern entfesselt und durch Organisation technisch und strukturell potenziert. Das Lager erscheint als ein Gewaltregime, in dem Macht und Gewalt vollständig ineinandergreifen.

Jan Philipp Reemtsma geht noch einen Schritt weiter und schlägt in seinem programmatischen Aufsatz „Eine Phänomenologie körperlicher Gewalt“ eine bewusste Engführung des Gewaltbegriffs vor. Er analysiert Gewalt unabhängig von psychologischen oder soziologischen Kontexten. Gewalt soll nicht erklärt, sondern in ihrer Handlungsspezifik beschrieben werden.

Reemtsma unterscheidet drei Formen körperlicher Gewalt:

  • Lozierende Gewalt: Der Körper wird als bewegliche Masse behandelt. Entweder wird er entfernt (dislozierend, etwa durch Töten) oder an einen anderen Ort verbracht (captive Gewalt, etwa bei Verhaftungen).
  • Raptive Gewalt: Der Körper wird in Besitz genommen und funktionalisiert, etwa zur Demütigung oder sexuellen Ausbeutung.
  • Autotelische Gewalt: Die Verletzung ist kein Mittel zum Zweck, sondern Ziel an sich.

Reemtsmas Typologie hebt das Sichtbare, das physisch Beobachtbare hervor und grenzt sich damit bewusst von Täterforschung ab, die nach Motiven, Handlungsspielräumen oder Verantwortlichkeit fragt. Gewalt erscheint hier als Handlung, die keiner weiterführenden Erklärung bedarf.

Randall Collins: Emotionen und Gewalt

Buchcover. "Violence. A micro-sociological Theory. Randall Collins."
© Princeton University Press, New Jersey, 2008

Erklärende Gewalttheorien begreifen Gewalt nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Ausdruck sozialer Beziehungen und emotionaler Dynamiken. Sie richten den Blick auf Mikrostrukturen, körperliche Interaktionen und situative Prozesse. Ein zentraler Vertreter dieser Richtung ist der US-amerikanische Soziologe Randall Collins („Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie“, 2008).

Collins analysiert Gewalt in sehr unterschiedlichen Kontexten, etwa in kriegerischen Auseinandersetzungen, in Demokratien oder im Alltag. Im Zentrum seiner Theorie steht die Umwandlung emotionaler Anspannung in emotionale Energie. Diese kann den Eintritt in eine Situation ermöglichen, die er als „Tunnel der Gewalt“ beschreibt. Gewalt entsteht dabei nicht aus festen Eigenschaften von Personen, sondern aus konkreten Interaktionen in bestimmten Momenten.

Zentral ist der sogenannte emotionale Aufmerksamkeitsraum, der sich zwischen den Beteiligten aufspannt. Gewalt bedeutet hier Dominanz in diesem sozialen Feld. Wenn eine Seite in einer Konfrontation eine deutliche Überlegenheit verspürt, kann es zu einer „Vorwärtspanik“ kommen, die eine Eskalation begünstigt. Emotionen entstehen in diesen Situationen nicht zufällig, sondern im Zusammenspiel mit früheren Erfahrungen, Erwartungen und der physischen Nähe zwischen den Akteuren.

Für die historische Gewaltforschung eröffnet dieser mikrosoziologische Zugang neue Perspektiven. Gewalt kann nun auch als Ergebnis emotionaler Spannungen in konkreten Situationen verstanden werden, nicht allein als Folge ideologischer Überzeugungen oder institutioneller Rahmenbedingungen. Dies ermöglicht auch eine differenzierte Analyse von nationalsozialistischen Gewaltpraktiken.

Bibliographie

Teresa Koloma Beck, Klaus Schlichte, Theorien der Gewalt zur Einführung, Hamburg, Junius, 2018.

Jan Philipp Reemtsma, Eine Phänomenologie körperlicher Gewalt [2008], in: Johannes Müller-Salo (Hrsg.), Gewalt. Texte von der Antike bis in die Gegenwart, Ditzingen, 2018, S. 149-160.

Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1997.

Trutz von Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37 (2000), S. 9-56.

Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburg, Hamburger Edition, 2012.

Thomas Hoebel, Stefan Malthaner (Hrsg.), Im Brennglas der Situation. Neue Ansätze in der Gewaltsoziologie, Mittelweg 36, 28. Jahrgang, Hefte 1-2, Hamburg, Hamburger Edition, 2019.

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