Ordnungspolizist K. Franke vom Reserve-Polizei-Bataillon 101 fasst einen jüdischen Mann in den Bart. Die Beteiligung dieses Bataillons an Erschießungen diente in der Täterforschung vielfach als Lackmustest. © Bundesarchiv, B 162 Bild-00207 / Fot. o. Ang.

Neuere und Neueste Täterforschung

Autor: Aiko Hillen

Browning, Goldhagen und die Wehrmachtsausstellung. Impulse für den neuen Täterdiskurs

Mit Beginn der 1990er Jahre vollzog sich in der Täterforschung ein grundlegender Perspektivwechsel. Im Fokus standen nun verstärkt der einzelne Täter und seine subjektive Wahrnehmung. Die historische Forschung öffnete sich psychologischen, sozialpsychologischen und teilweise auch psychoanalytischen Zugängen. Damit rückte die Frage nach Motiven, Handlungsspielräumen und Entscheidungsprozessen in den Vordergrund.

© Harper Perennial / Coverdesign: Tom Lau

Zentral für diese Entwicklung waren die Studien von Christopher R. Browning und Daniel J. Goldhagen, die beide das Reserve-Polizeibataillon 101 untersuchten, das in Polen an der Ermordung von über 38.000 Jüdinnen und Juden beteiligt war. Browning zeigte, dass es sich bei den Tätern um „ganz normale Männer“ handelte, deren Gewaltbereitschaft sich im Einsatzverlauf entwickelte. Er identifizierte ein Zusammenspiel aus Gehorsam, sozialem Druck, Gruppenkonformität, Karrierestreben, Brutalisierung und Ideologie. Ein entscheidender Faktor war jedoch die individuelle Wahlfreiheit: Bataillonskommandeur Major Wilhelm Trapp stellte seinen Männern bei der ersten Erschießung in Józefów frei, ob sie sich an den Tötungen beteiligen wollten. Antisemitismus spielte nach Browning keine zentrale Rolle. Dies begründet er mit den vergleichsweise geringen Mitgliedschaften der Bataillonsangehörigen in nationalsozialistischen Organisationen. Zur Erklärung zog er sozialpsychologische Experimente wie das Milgram- und Stanford-Prison-Experiment heran.

© Vintage Books, Random House, 1997

Goldhagen hingegen führte dieselben Taten auf einen tief verankerten eliminatorischen Antisemitismus zurück. Er argumentierte, dass ein spezifisch deutscher Judenhass sich  bereits seit der Frühen Neuzeit gesellschaftlich und kulturell verankertei. Die Vernichtung der Juden sei somit ein „nationales Projekt“ gewesen, das im Nationalsozialismus aktiviert und im Krieg umgesetzt wurde. Die breite Zustimmung zu den Novemberpogromen 1938 wertete er als Beleg für die Bereitschaft zur Gewalt. Goldhagens These wurde in der Geschichtswissenschaft heftig kritisiert, vor allem wegen ihres monokausalen Erklärungsansatzes, des selektiven Quellengebrauchs und der Ausblendung struktureller und institutioneller Aspekte. Dennoch trug seine Studie dazu bei, antisemitische Mentalitäten und alltagsgeschichtliche Perspektiven stärker in die Forschung einzubeziehen.

Browning und Goldhagen stehen exemplarisch für zwei unterschiedliche Zugänge: Während Browning auf Handlungskontexte und soziale Dynamiken fokussierte, erklärte Goldhagen den Holocaust über eine tief verwurzelte mentalitätsgeschichtliche Disposition. Ihre Gegenüberstellung prägte die wissenschaftliche Debatte nachhaltig und öffnete sie für neue Fragestellungen.

Schon vor Goldhagen standen gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Täterschaft und deren Erforschung in einem wechselseitigen Verhältnis. Der Literaturwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma, Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, initiierte in den 1990er Jahren die Wehrmachtsausstellung, die eine breite öffentliche Debatte über die Beteiligung der Wehrmacht an NS-Verbrechen auslöste. Sie widerlegte den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ und zeigte die Beteiligung gewöhnlicher Soldaten an Kriegsverbrechen. Die Ausstellung förderte eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit individueller Verantwortung im Rahmen militärischer Gewalt und stellte einen Wendepunkt in der öffentlichen Erinnerungskultur dar.

Harald Welzer und James Waller: Die Moral der Täter

© S. Fischer Verlag, Francoforte sul Meno, 2006

Der Sozialpsychologe Harald Welzer fragt in seinem interdisziplinären Buch „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“, wie sich Menschen an systematischer Gewalt beteiligen konnten und dabei psychisch unauffällig und funktionsfähig blieben. Seine Analyse richtet sich gegen die Vorstellung, Täter seien pathologisch auffällig oder grundsätzlich sadistisch veranlagt gewesen. Vielmehr betrachtet er sie als Teil einer sich verändernden sozialen Ordnung, in der Gewalt zunehmend als legitim wahrgenommen wurde. Im Zentrum seiner Theorie steht der Begriff des „sozialen Referenzrahmens“. Dieser beschreibt die Deutungsmuster, durch die Menschen Situationen interpretieren und ihr Verhalten daran ausrichten. Wird eine bestimmte Gruppe aus dem Geltungsbereich der allgemeinen Moral ausgeschlossen, verschieben sich diese Wahrnehmungen. Gewalt erscheint nun nicht mehr als Regelbruch, sondern als Handlung im Interesse der eigenen Gemeinschaft.

Welzer beschreibt diesen Zustand als eine totale Situation. Gemeint ist eine Konstellation, in der sich soziale Normen und Selbstverständlichkeiten grundlegend verschieben. Im Nationalsozialismus wurden Ausgrenzung und Entmenschlichung von Jüdinnen und Juden mit der symbolischen und materiellen Aufwertung der sogenannten Volksgemeinschaft verbunden. Wer dieser Gemeinschaft angehörte, konnte sich sicher sein, mehr wert zu sein als ein Jude, unabhängig vom eigenen sozialen Status. Daraus ergab sich für viele der Anreiz, sich anzupassen und mitzuwirken.

In solchen gesellschaftlichen Konstellationen wird Gewalt zunehmend als Pflicht verstanden. Täterinnen und Täter entwickeln Strategien der Distanzierung, indem sie Rollen annehmen, die sie von der Tatperson trennen, oder durch technische Mittel, die das Töten anonymisieren, was die emotionale und moralische Distanz weiter verstärkt. Wer sich dem verweigern will, muss über ein hohes Maß an innerer Autonomie verfügen. Abweichung erfordert nicht nur Widerstand, sondern auch die Fähigkeit, alternative Deutungen gegen die dominierende Logik aufrechtzuerhalten.

Welzer warnt vor der verkürzten Vorstellung, die nationalsozialistischen Verbrechen seien das Ergebnis moralischer Korrumpierung oder des Scheiterns einzelner Charaktere gewesen. Vielmehr gehe es um eine tiefgreifende Veränderung sozialer Orientierungsmuster, die von den Beteiligten meist nicht bewusst wahrgenommen, sondern aktiv mitgestaltet wurden. Gewalt wurde so als Teil einer als sinnvoll verstandenen Aufgabe erfahren.

Der US-amerikanische Sozialpsychologe und Genozidforscher James Waller entwickelt eine vergleichbare Perspektive. Im Zentrum steht der Prozess der moralischen Entkopplung. Täter distanzieren sich schrittweise von ihren Opfern und entwickeln neue Maßstäbe, in denen Gewalt als akzeptabel erscheint. Berufliche Rollen, Gruppenloyalität und die Identifikation mit der Aufgabe verstärken diesen Prozess. Es entsteht eine Kultur der Grausamkeit, in der außergewöhnliche Gewaltakte nicht mehr als solche empfunden werden.

Beide Ansätze machen deutlich, dass Gewalt nicht aus einem einzigen Impuls entsteht, sondern sich in sozialen Prozessen verfestigt. Welzer und Waller zeigen, wie entscheidend Deutungsmuster, institutionelle Kontexte und individuelle Entscheidungen für die Entstehung und Legitimation von Gewalt sind. Sie eröffnen damit neue Perspektiven auf das Verhältnis von Gesellschaft und Täterschaft im Nationalsozialismus.

Stefan Kühl und die Debatte um „ganz normale Organisationen“

Book Cover " Ordinary Organizations. Why normal Men carried out the Holocaust."
© Polity Press, Cambridge, 2016

„Organisationen, die sich auf Foltern und Töten spezialisieren, funktionieren nicht grundsätzlich anders als Organisationen, die Kranke pflegen, für Eiscreme werben, Schüler unterrichten oder Autos bauen.“ Dieses Zitat aus dem Klappentext von Stefan Kühls Studie „Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust“ bringt die zentrale These prägnant auf den Punkt. Anders als Christopher Browning oder Daniel Goldhagen richtet Organisationssoziologe Kühl den Blick nicht auf individuelle Motive, sondern auf das Funktionieren von Organisationen im Holocaust.

Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Feststellung, dass fast alle Morde an Jüdinnen und Juden von staatlichen Organisationen verübt wurden. Kühl interessiert sich daher nicht für Biografien, sondern für die innere Dynamik solcher Organisationen. Er analysiert, wie Organisationen Menschen zur Beteiligung am Massenmord befähigen, ohne dabei auf Ideologie oder Zwang allein zu setzen.

Kühl versteht Organisationen nicht als starre Befehlsketten, sondern als Systeme mit eigenen Regeln, informellen Abläufen und einer Eigenlogik des Handelns. Auch NS-Organisationen folgen aus seiner Sicht denselben Prinzipien wie moderne Institutionen in demokratischen Gesellschaften. Er grenzt sich von Browning ab, der eine Vielzahl möglicher Tätermotive benennt, diese aber nicht systematisch verknüpft. Ebenso lehnt er Goldhagens These eines kulturell tief verankerten Antisemitismus als monokausale Erklärung ab. Für Kühl sind individuelle Motive schwer greifbar und für die Erklärung organisatorischer Abläufe nur bedingt relevant.

Im Zentrum steht stattdessen das Konzept der Indifferenzzone. Solange Mitglieder einer Organisation einer Aufgabe nicht aktiv widersprechen, sondern ihr gleichgültig oder offen gegenüberstehen, können sie zur Mitwirkung gebracht werden. Innerhalb dieser Zone wirken fünf zentrale Motivationsmittel, mit denen Organisationen Menschen binden und aktivieren:

  • Zweckidentifikation: Die Mitglieder müssen die Ziele der Organisation nicht teilen, es genügt, wenn sie diese als legitim ansehen.
  • Zwang: Austrittsoptionen werden eingeschränkt, etwa durch soziale Ächtung oder disziplinarische Folgen.
  • Kameradschaft: Enge Bindungen im Arbeitsalltag fördern Loyalität und Konformität.
  • Materielle Anreize: Geld, Zulagen oder Zugang zu geplündertem Besitz können motivieren.
  • Handlungsattraktivität: Einige Täter empfanden die Ausführung ihrer Aufgaben als befriedigend, unabhängig von ideologischen oder finanziellen Motiven.
     

Wichtiger als das „Warum“ des Handelns ist für Kühl die Frage, wie Organisationen individuelles Verhalten steuern und stabilisieren. Motive werden durch die Struktur der Organisation verallgemeinert und kontrolliert. Entscheidend ist, dass Mitglieder handeln und nicht, aus welchen Gründen sie dies tun.

Auch abweichendes Verhalten deutet Kühl anders als Browning. Dass einige Männer im Reserve-Polizeibataillon 101 nicht an Erschießungen teilnahmen, erklärt er nicht mit moralischer Autonomie. Vielmehr konnte sich die Organisation diese Abweichung leisten, solange die Gesamtfunktion nicht gestört wurde. Die Weigerung änderte nichts am Ziel der Vernichtung.

Kühls Ansatz stellt die Organisation als zentrales Handlungssystem in den Vordergrund. Gewalt wird nicht als Ausnahme begriffen, sondern als mögliches Resultat regulärer Strukturen. Gerade darin liegt die verstörende Erkenntnis seiner Analyse.

Bibliografie

Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, 7. Auflage, erweiterte Neuausgabe, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch, 2013 [1992].

Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin, Siedler, 1996.

Hannes Heer (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Ausstellungskatalog, 1. Auflage, Hamburg, Hamburger Edition, 1996.

James Waller, Perpetrators of Genocide: An Explanatory Model of Extraordinary Human Evil, in: Journal of Hate Studies, 1 (1), 2002, S. 5-22.

Harald Welzer, Michaela Christ, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, 4. Auflage, Frankfurt am Main, Fischer, 2006.

Alexander Gruber, Stefan Kühl (Hrsg.), Soziologische Analysen des Holocaust. Jenseits der Debatte über „ganz normale Männer“ und „ganz normale Deutsche“, Wiesbaden, Springer VS, 2015.

Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, 2. Auflage, Berlin, Suhrkamp, 2014.

Zeitschrift für Genozidforschung 16 (2018), Heft 2: Ganz normale Organisationen? Systemtheoretische Ansätze der Holocaustforschung. Eine Debatte, Weilerswist, Velbrück Wissenschaft, 2018.

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