Die Täterforschung im Projekt
Autor: Aiko Hillen
Besatzung und Gewaltstrukturen in Italien
Die deutsche Besatzung Italiens zwischen 1943 und 1945 war von einer Vielzahl von Kriegsverbrechen geprägt. Dabei zeigt sich, dass sich viele der aus anderen Besatzungsgebieten bekannten Strukturen auch in Italien wiederfinden. Im Unterschied zur bislang dominierenden Täterforschung, die sich vor allem auf den Holocaust in Osteuropa konzentrierte, bedarf es für den italienischen Kontext spezifischer Analysen. Das Projekt richtet den Blick konsequent auf die Täter und fragt, wie Gewalt in Italien unter deutscher Besatzung organisiert, umgesetzt und legitimiert wurde.
Die Kriegsführung in Italien war in mancher Hinsicht von geringerer Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung geprägt als an der Ostfront, doch insbesondere im Rahmen der Partisanenbekämpfung entfaltete sich auch hier ein brutaler Gewaltraum. Im Zusammenspiel von Wehrmacht, Waffen-SS, Sicherheitspolizei und Ordnungspolizei entstand ein Besatzungsregime, das Gewalt zugleich zentral vorbereitete und dezentral entfesselte. Gerade auf lokaler Ebene entwickelten sich Dynamiken, in denen Kommandeure eigenmächtig handelten und Feindbilder mit dem Wissen um Straflosigkeit verschmolzen. Die rasche Umsetzung von Repressionsmaßnahmen zeigt, dass die Besatzung von Beginn an auf einem professionalisierten Umgang mit Gewalt beruhte. Verbrecherische Befehle aus anderen Kriegsschauplätzen wurden übernommen, Lager wie die Risiera di San Sabba errichtet und erfahrene SS-Kader gezielt eingesetzt. Personal aus den Einsatzgruppen wurde in den Apparat des Befehlshabers der Sicherheitspolizei integriert und in Italien flexibel verwendet. So verband sich Erfahrung aus früheren Gewaltkontexten mit den neuen Anforderungen der Besatzung.
Das Polizeisystem stützte sich auf das Zusammenwirken von Ordnungspolizei, Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst. Die Ordnungspolizei unter Generalleutnant Jürgen von Kamptz übernahm Sicherungsaufgaben und die Partisanenbekämpfung, während Kommandeure der Sicherheitspolizei und des SD, etwa Herbert Kappler in Rom, politische Verfolgung, Exekutionen und Deportationen organisierten. Unter der Leitung des Höchsten SS- und Polizeiführers Karl Wolff verschmolzen diese Institutionen zu einem einheitlichen Unterdrückungsapparat, der Verwaltung, Kontrolle und Gewalt in der deutschen Besatzungsherrschaft Italiens eng miteinander verband.
Prosopographie und Gewaltkultur der Einheiten
Obwohl sich für die einzelnen Besatzungsorgane wie Wehrmacht, darunter Waffen-SS, Ordnungspolizei, Sicherheitspolizei und dergleichen Tendenzen in der Gewaltausübung ausmachen lassen, sind diese Zuschreibungen differenzierter zu betrachten, als es beispielsweise an der Ostfront der Fall war. In Italien waren es nicht in erster Linie SS-Einheiten in Form von Einsatzgruppen, die den Holocaust organisierten, Kommunisten erschossen oder die Intelligenz beseitigten. Vielmehr lässt sich feststellen, dass Massaker allen diesen Gruppen zugeordnet werden können. Dieses Spektrum versuchen wir anhand der einzelnen Fälle und Tätergruppen zu unterstreichen. Gewalt war innerhalb der Besatzungstruppen ungleich verteilt und hing stark von der Struktur und Kultur einzelner Einheiten ab. Nicht jeder Soldat in Italien nahm an Gewaltexzessen teil, gleichsam kann man auch nicht jeden Gewaltexzess SS-Einheiten zuschreiben. Unsere Analysen berücksichtigen nicht nur die unterschiedlichen Einheiten, sondern auch die verschiedenen Ebenen der Dienstgrade. Auf der Makroebene betrachten wir die Generalität, auf mittlerer Ebene die Einheiten, und auf der Mikroebene die individuellen Biografien. Dabei befassen wir uns mit unterschiedlichen Erklärungsansätzen und berücksichtigen neben der Rolle der Einheiten auch die Wirkmacht einzelner Akteure.
Auf der Makroebene zeigen sich Gewaltdynamiken in der Gestaltung großräumiger Gewaltfelder, in denen Generäle ihre Befehlsgewalt nutzten, um Gewalt zu regulieren oder zu eskalieren. Ein Beispiel ist Hermann Balck, der im Spätsommer 1943 als Kommandierender General des XIV. Panzerkorps bei Neapel fungierte. Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 befahl Balck, jeglichen Widerstand in Neapel rücksichtslos niederzuschlagen, ein Befehl, der massive Gewaltexzesse gegen die Zivilbevölkerung auslöste.
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der prosopografischen Analyse solcher Einheiten, um Eskalationskonstellationen wie die der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ sichtbar zu machen. Diese Division war allein zwischen August und Oktober 1944 für den Tod von mehr als 2.000 Zivilpersonen verantwortlich und gilt damit als die mörderischste deutsche Einheit auf italienischem Boden. Carlo Gentile beschreibt ihre Zusammensetzung als zentralen Eskalationsfaktor: Die Einheit vereinte sehr junge, unerfahrene Rekruten mit älteren Unterführern, die zuvor im Osten oder im KZ-Wachdienst eingesetzt waren. Diese brachten gefestigte nationalsozialistische Überzeugungen und Gewalterfahrung mit, während die jungen Soldaten leicht ideologisch zu beeinflussen waren.
Auch die Division „Hermann Göring“ steht für eine einheitsspezifische Eskalation von Gewalt. Sie bestand 1944 überwiegend aus jungen Soldaten der Jahrgänge 1924 und 1925, geprägt durch politische Schulung und das Ideal soldatischer Härte. Ihr ideologisch gefestigtes Führungspersonal, teils aus SA-Kreisen, förderte ein starkes Elitebewusstsein. Bei Einsätzen gegen Partisanen tötete die Division etwa 1.000 Zivilisten, vor allem im Frühjahr und Sommer 1944 im nördlichen Apennin und in der Toskana.
Auch individuelle Biografien verdeutlichen, dass die Gewalt in Italien Teil eines breiteren Handlungskontinuums war. Täter wie Helmut Looß, zuvor an Erschießungen und Leichenbeseitigungen im Rahmen der sogenannten Enterdungsaktionen im Osten beteiligt, setzten ihre Praxis in Italien fort. Looß war als Verantwortlicher für die Sicherung des rückwärtigen Gebiets der SS-Division „Reichsführer-SS“ eingesetzt und an der Leitung von Bekämpfungsaktionen, Massenerschießungen und der Verschleppung von Zwangsarbeiter:innen beteiligt. Seine Laufbahn zeigt, wie Erfahrungen aus den Vernichtungseinsätzen im Osten in den italienischen Kontext übertragen wurden. Gewaltakte dieser Art waren selten spontane Reaktionen, sondern Ausdruck eingeübter Routinen, ideologischer Prägung und institutioneller Sozialisation innerhalb der nationalsozialistischen Sicherheitsapparate.
Handlungsspielräume in mikrohistorischen Fallstudien
Ein praxeologischer Schwerpunkt unserer Forschung liegt im „close reading“ von Gewaltdynamiken. Besonders für den italienischen Schauplatz ermöglicht die außergewöhnlich dichte Überlieferung eine mikrohistorische Perspektive. So lässt sich am Beispiel des Massakers von San Polo vom 14. Juli 1944 zeigen, wie das Grenadier-Regiment 274 unter Oberst Wolf Ewert nach der Befreiung eigener Soldaten zunächst im Dorf Molino dei Falchi ein Blutbad anrichtete und anschließend in San Polo 48 Männer exekutierte. Die Analyse verdeutlicht, dass die Gewalt zwei Phasen umfasste: das gewaltsame Zusammentreiben von Zivilisten und Partisanen sowie die systematischen Erschießungen am Regimentsgefechtsstand.
Auffällig ist, wie sich individuelle Eigenmächtigkeiten innerhalb des Pionierzugs, die emotional aufgeladene Rolle Ewerts und situative Eskalationen gegenseitig verstärkten. Es zeigte sich eine Dynamik, die Randall Collins als Vorwärtspanik beschreibt: Nach der Befreiung deutscher Soldaten entlud sich aufgestaute Angst und Wut in exzessiver Gewalt gegen Gefangene. Regimentskommandeur Wolf Ewert trug maßgeblich zur Eskalation bei, indem er Misshandlungen duldete und emotional aufgeladene Befehle erteilte. Seine Rachsucht, genährt durch einen kurz zuvor erlittenen Angriff, überlagerte jede Form rationaler Kontrolle. So verwandelte sich situative Erregung in kollektive Enthemmung.
Innerhalb der Einheit bestanden jedoch Unterschiede. Einige Soldaten versuchten, die Gewalt zu begrenzen, andere legitimierten sie durch Ewerts Autorität. Das Geschehen überschritt die Logik militärischer Vergeltung und wurde zu einem Akt unkontrollierter Entladung. Damit zeigt sich die Verbindung von Emotion, Führung und situativer Dynamik als zentrales Moment der Gewalteskalation. Die Brutalität der Taten, die über Erschießungen hinausging und extraletale Gewalt wie das Sprengen von Leichen einschloss, zeigt, wie sehr situative Dynamiken, Emotionen und Handlungsspielräume die Gewaltpraxis strukturierten. Dabei wird sichtbar, wie situative Eskalationen, gruppenspezifische Gewaltmuster und emotionale Faktoren ineinandergreifen konnten.
Dieses Fallbeispiel verdeutlicht, dass Emotionen, insbesondere Angst, Unsicherheit und Rachegefühle eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Eskalation von Gewalt spielten. Dennoch sind solche emotionalen Dimensionen in der Täterforschung bislang kaum systematisch untersucht worden. Die beschriebenen Reaktionen deutscher Soldaten im unübersichtlichen Partisanenkrieg zeigen, dass Affekte wie Furcht, Überforderung und Wut oft unmittelbarer handlungsleitend waren als Ideologie oder Befehl. Die Dynamik von Emotion, Wahrnehmung und situativer Bedrohung bleibt ein unterbelichteter, aber entscheidender Faktor zur Erklärung nationalsozialistischer Gewalt in Italien. Solche Mikroanalysen ergänzen die strukturelle Perspektive um konkrete Entscheidungslogiken.
Insgesamt wird deutlich: Eine künftige Täterforschung zu Italien muss die Gewalt als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Erfahrung, Struktur, Ideologie und Situation begreifen. Sie sollte den italienischen Kriegsschauplatz als zentralen Bestandteil der europäischen Gewaltgeschichte verstehen als Raum, in dem sich frühere Erfahrungen, institutionelle Lernprozesse und neue Handlungsspielräume zu einer eigenen Form nationalsozialistischer Besatzungsgewalt verdichteten.
Bibliografie:
Carlo Gentile, Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg. Italien 1943–1945, Paderborn, Ferdinand Schöningh, 2012.