Täterinnenforschung
Autor: Aiko Hillen
Die Wahrnehmung weiblicher Täterschaft
Obwohl der Nationalsozialismus stark männlich geprägt war und das Militär fast ausschließlich Männern vorbehalten blieb, stellt sich die Frage, welche Rollen Frauen im NS-Staat einnahmen und wie sie zur Durchsetzung des Herrschaftssystems und zur Umsetzung der Gewaltpolitik beitrugen. Die Forschung zur weiblichen Beteiligung wurde lange vernachlässigt. Erst seit den 1980er Jahren entstanden differenzierte Perspektiven, die Frauen nicht mehr nur als Opfer eines patriarchalen Regimes betrachteten, sondern ihre verschiedenen Funktionen im nationalsozialistischen System untersuchten.
Untersuchungen zeigen, dass Frauen keineswegs nur Mitläuferinnen oder Randfiguren waren. Viele waren aktiv in Gewaltstrukturen eingebunden, etwa als Aufseherinnen, Sekretärinnen oder Sanitätskräfte in Konzentrations- und Vernichtungslagern. In den besetzten Ostgebieten bewarben sie sich eigenständig auf Verwaltungsstellen. Auch im Rahmen der sogenannten Euthanasieprogramme waren Frauen in verantwortlichen Positionen tätig. Ärztinnen, Krankenschwestern und Verwaltungsangestellte unterstützten die Tötungen organisatorisch und praktisch. Ihre Beteiligung beruhte oft auf eigenem Entschluss. Viele Frauen nutzten vorhandene Spielräume, um innerhalb der Strukturen eigene Macht auszuüben.
Die gesellschaftliche und juristische Wahrnehmung weiblicher Täterschaft war hingegen stark von Geschlechterstereotypen geprägt. Vor Gericht präsentierten sich viele Beschuldigte als Opfer eines männlich dominierten Systems. Einzelne besonders brutale Täterinnen, etwa Ilse Koch - Frau des Lagerkommandanten des KZ Buchenwald - wurden dämonisiert. Solche Extremfälle verdeckten die alltägliche Beteiligung vieler Frauen. Weibliche Täterschaft wurde häufig psychologisiert, sexualisiert oder vollständig ausgeblendet. Die Einordnung in Täter- und Opferrollen orientierte sich oft an traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Die US-amerikanische Kulturforscherin Susannah Heschel hat betont, dass es zwar zahlreiche Studien über Männlichkeit und Gewalt gibt, vergleichbare Forschungen zu Weiblichkeit und Gewalt jedoch weitgehend fehlen.
Täterinnen in der Geschichtswissenschaft
Auch in der Geschichtswissenschaft wurde weibliche Beteiligung lange übersehen. Hinweise aus Ermittlungsakten oder frühe Analysen, etwa von dem Rechtswissenschaftler Herbert Jäger, wurden kaum aufgenommen. Erst Historikerinnen wie Claudia Koonz, Gisela Bock, Angelika Ebbinghaus und Gudrun Schwarz machten die Perspektive auf Täterinnen zum Forschungsthema. Ebbinghaus zeigte anhand von Prozessunterlagen, wie viele Frauen versuchten, ihre Verantwortung durch Schuldabwehr oder Verharmlosung zu relativieren.
Der Täterbegriff blieb lange geschlechtsspezifisch verengt. In der familiären Erinnerungsgeschichte wurden Täter meist über die väterliche Linie identifiziert, während Frauen als unpolitisch galten. Die Beteiligung von Müttern an nationalsozialistischen Verbrechen wurde selten thematisiert. Diese geschlechtsspezifische Verteilung von Verantwortung wirkte sich nicht nur auf juristische Bewertungen aus, sondern auch auf die Deutungsmuster späterer Generationen.
Ein wichtiges Ergebnis der neueren Täterinnenforschung ist die Anerkennung der Vielfalt weiblicher Rollen im NS-Staat. Frauen traten als überzeugte Täterinnen, als funktionale Mitläuferinnen oder auch als strukturell eingebundene Beteiligte in Erscheinung. Pauschale Zuschreibungen greifen hier zu kurz. Die Erforschung weiblicher Beteiligung erfordert differenzierte methodische Zugänge, die geschlechtsspezifische Handlungsmuster sichtbar machen, ohne sie auf biologische Kategorien zurückzuführen. Die Integration weiblicher Täterschaft in die Gesamterzählung der nationalsozialistischen Gewalt ist damit nicht nur eine Frage historischer Genauigkeit, sondern auch eine notwendige Bedingung für ein umfassendes Verständnis der Tätergesellschaft.
Bibliographie
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Gudrun Schwarz, »Die Frau an seiner Seite«. Ehefrauen in der »SS-Sippengemeinschaft«, in: Mittelweg 36, 6 (1997), S. 37-44.
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Elissa Mailänder, Amour, mariage, sexualité. Une histoire intime du nazisme (1930-1950), Paris, Éditions du Seuil, 2021.