Psychologie der Täterschaft und transgenerationelle Weitergabe
Autor: Peter Pogany-Wnendt
Normale Menschen? Ein seelischer Transformationsprozess
Die Massenmörder, die in Italien (und anderswo) für die Massaker verantwortlich waren, waren keine geborenen Monster. Die meisten waren vor der NS-Herrschaft normale menschliche Wesen „wie du und ich” – als Ärzte, Juristen, Beamte, Geschäftsleute, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Politiker, Lehrer, Polizisten, Soldaten, Landwirte, Handwerker, Fabrikarbeiter, Hausfrauen, Mütter und Väter, Söhne und Töchter usw. waren sie gut integrierte Mitglieder der deutschen Gesellschaft. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass „normal” menschlich denkende und fühlende Menschen in der Lage waren, grundlos unschuldigen Menschen – insbesondere Kindern –, die ihnen nichts getan hatten, unvorstellbare Qualen zuzufügen, um sie anschließend ohne nachvollziehbaren Anlass zu töten. Mit anderen Worten: Es muss ein seelischer Transformationsprozess stattgefunden haben, der im Zuge der Anpassung an das Terrorsystem der Nationalsozialisten normale Menschen in Massenmörder mutieren ließ.
Verlust der Menschlichkeit und das Leben „danach”
Der Publizist Ralph Giordano (2008) spricht vom Verlust der humanen Orientierung der Täter. Sie verloren ihre Menschlichkeit, sofern man darunter im Allgemeinen eine Haltung der Sorge um das Wohlergehen der Mitmenschen und der Achtung vor der Würde und dem Leben seinesgleichen versteht, die auf die Kraft der menschlichen Liebe gründet. Es fällt in der Tat nicht schwer, in den verbrecherischen Handlungen der Täter Hass und Verachtung vor der menschlichen Würde und dem Leben ihrer Opfer, ja eine Geringschätzung des Lebens überhaupt und eine entfesselte Zerstörungswut, zu erblicken. Albert Camus (1959) lässt den Erzähler im Theaterstück Die Besessenen sagen: „Wer tötet, töten will oder töten lässt, sehnt sich oft danach, zu sterben. Er ist der Gefährte des Todes“ (S. 294). Die Zerstörungswut der an den Massakern Beteiligten war der Todessehnsucht geschuldet, die Menschen befällt, die ihre Liebe aufgegeben haben. Sie wurden zu „Gefährten des Todes“, weil sie sich Schritt für Schritt ihrer Menschlichkeit entledigten: Sie entmenschlichten sich selbst (Pogany-Wnendt, 2019). Der Leitfaden für das Leben des Entmenschlichten ist nicht mehr die Liebe zum Leben, sondern die Liebe zum Tod: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ (Roy, 2017) wird zu seinem Lebensmotto. Wer sich selbst entmenschlicht, fügt seinem Menschsein schwere Schädigungen zu. Er ist kein normaler Mensch mehr. Demzufolge blieben nach dem Ende des Horrors Täter zurück, die sich den Anschein von Normalität gaben. Hinter der Maske der Normalität verbargen sie jedoch die schweren seelischen Verstümmelungen, die sie sich durch ihre kriminellen Taten selbst zugefügt hatten. Die Pose der Normalität diente der Verschleierung ihres Unmenschlich-Geworden-Seins. Kaum etwas fällt dem Menschen schwerer, als sich der Scham der eigenen Unmenschlichkeit zu stellen. Er mobilisiert Abwehrmechanismen, die ihn vor der Erkenntnis der selbst zugefügten menschlichen Schmach bewahren. Der Psychoanalytiker Arno Gruen schreibt: „Daß diese Menschen [Die Täter des Holocaust] nicht intakt sind, werden wir erst erkennen, wenn wir [...] ihre Freundlichkeit und ihr korrektes Benehmen als gekonntes Posieren entlarven“ (2001, S. 133).
Der Prozess der Selbstentmenschlichung
Die moderne Neurobiologie belegt, dass der Mensch mit den Anlagen zur Menschlichkeit geboren wird (Bauer, 2021). Das Gehirn ist ein soziales Organ, das auf Empathie ausgelegt ist (Keysers, 2013). Es macht den Menschen von Geburt an von zwischenmenschlichen Bindungen abhängig. Ohne die liebevolle Fürsorge der Mutter und anderer Bezugspersonen kann das Neugeborene genauso wenig überleben wie ohne Muttermilch. Dies belegt die psychoanalytische Bindungstheorie. Und auch später kann das Individuum nicht ohne die Gemeinschaft (über)leben. Diese Gemeinschaft wiederum ist ohne die bindende Kraft der menschlichen Liebe nicht möglich. Liebe ist also ein Grundantrieb des Menschen. Destruktivität entsteht durch Abkopplung des Menschen von der Kraft seiner Liebe.
Da der Mensch fehlbar ist, verfügt er über eingebaute Schranken gegen das Unmenschlichwerden: Das Gewissen als moralische, das Mitgefühl als emotionale und schließlich die Vernunft als rationale Schranke. Sobald jemand sich schuldig macht und einer anderen Person Leid und Schmerzen zufügt, reagiert normalerweise das Gewissen und sendet Signale aus, die auf das schuldhafte Verhalten aufmerksam machen: Schuld- und Schamgefühle, Selbstverurteilung begleitet von Selbstverachtung und -hass, sowie Gefühle von Wert- und Würdelosigkeit. Es entwickelt sich ein Gewissenskonflikt. Die Vernunft ermöglicht Reue durch Einsicht in das schuldhafte Verhalten. Das Mitgefühl drängt den Täter dazu, das verursachte Leid zu beheben bzw. wiedergutzumachen. Lässt sich also die schuldige Person von ihrer emotionalen Schuldreaktion leiten und konfrontiert sie sich mit der schuldhaften Tat, dann wird sie geständig sein, sich um Wiedergutmachung bemühen und sich vornehmen, die Übeltat nicht zu wiederholen. So bewahrt sie ihre humane Orientierung.
Hat der Täter jedoch nicht den Mut, sich seinem Fehlverhalten zu stellen, d.h. bleibt er uneinsichtig und reuelos, dann werden Abwehrmechanismen aktiviert, die die Schuld- und Schamgefühle, die Selbstverachtung und den Selbsthass sowie das Gefühl der Wert- und der Würdelosigkeit zunächst ins Unbewusste befördern und dann davor bewahren, wieder bewusst zu werden. Nach außen spricht er sich frei von jeder Schuld, aber das Verdrängte wirkt unbewusst weiter und verwandelt das Selbst des Täters in einen bedrohlichen inneren Feind, der für das Schuldig-gewordensein nach innen verurteilt und gehasst wird.
Externalisierung der Schuld: Verlust von Mitgefühl, Vernunft und Gewissen
Dieser beschämende innere Zustand der Schlechtigkeit und Wertlosigkeit, der nicht eingestanden werden kann, bedarf zu seiner Entlastung weiterer Abwehrmaßnahmen: Der Täter schafft sich in seiner Phantasie einen Feind, der gewissermaßen zum Spiegel des unliebsamen Selbst wird und die eigenen verhassten Eigenschaften trägt. Er richtet den Hass, der ursprünglich dem schuldigen Selbst gilt, auf dieses Phantasiegebilde, dem es zum Beispiel den Namen „Jude“, „Partisan“ usw. gibt. So entstehen Hirngespinste des verhassten „Juden“ oder des „Partisanen“ (oder wie er den Dämon sonst nennen will). Durch Externalisierung (Verlagerung nach außen) wird das Phantom in realen Menschen geortet. Die Menschen, die auf diese Weise zu Projektionsflächen für den (Selbst)Hass werden, werden dämonisiert und stellen eine phantasierte Bedrohung dar, die bekämpft werden muss. Ihnen werden jegliche menschliche Eigenschaften abgesprochen. Die Entmenschlichung der Opfer macht es möglich, sie zu misshandeln und zu töten. Man tötet keine Menschen, sondern „Schädlinge“. Das Bild des Juden existiert in der Regel also vollkommen unabhängig von realen jüdischen Menschen und hat mit ihnen nichts gemein. In den äußeren Feinden, die zum Spiegel des lieblosen Selbst wurden, suchten die Täter den inneren Feind zu bestrafen und zu vernichten. So lässt sich verstehen, dass die Massenmörder nicht nur unschuldige Männer und Frauen, sondern auch Kinder folterten und töteten und dabei im vollen Ernst glaubten, eine von ihnen phantasierte Bedrohung zu bekämpfen, wobei auch Zivilisten während der deutschen Besatzung Italiens als angebliche Unterstützer oder Gefährder im Rahmen des Partisanenkampfes zu Opfern wurden. Um töten zu können, mussten sie das Mitgefühl ausschalten. Da sie das Morden mit aberwitzigen Lügen rechtfertigen mussten, setzten sie außerdem die Vernunft außer Kraft, die die Lügen demaskiert hätte. Und schließlich mussten sie das Gewissen überlisten, indem sie in einem Teil von ihm ein neues (un)moralisches Wertesystem, das das Töten moralisch zu rechtfertigen schien, etablierten. Durch diese Aufspaltung des Gewissens konnten sie vordergründig mit „gutem Gewissen“ töten, während sie sich gleichzeitig im tiefsten Inneren selbst verurteilten.
Die irrationale Logik der Entmenschlichung
In diesem Zustand der Selbstentmenschlichung gewann der Prozess zunehmend eine Eigendynamik: Immer stärker wurden die Täter von der psychologischen Notwendigkeit getrieben, weiter töten zu müssen, weil die Einstellung der verbrecherischen Handlungen dem Eingeständnis der Unmenschlichkeit vorheriger Taten gleichgekommen wäre. Je mehr sie töteten, desto größer wurde die reale Schuld und desto stärker die abgewehrte Selbstverurteilung. So töteten sie paradoxerweise mit immer größerer Besessenheit, um sich ihre Unmenschlichkeit nicht eingestehen zu müssen. Jedes neue Verbrechen diente der Rechtfertigung aller vorangegangenen. Nur das Eingeständnis der beschämenden Unmenschlichkeit ihrer Taten hätte sie zur Umkehr bringen können. Dazu waren jedoch nur wenige Täter in der Lage. Stattdessen beschönigten die meisten Massenmörder ihre Morde mit aberwitzigen Rechtfertigungen und verstrickten sich immer stärker in das sinnlose Töten. Dabei erzeugten sie eine apokalyptische, d.h. eine dem Tode geweihte, gewissenlose Realität, bar jeder Vernunft und ohne Mitgefühl, die der irrationalen Logik der Entmenschlichung folgte. Sie schufen eine entmenschlichte Realität und wurden nicht nur zu Gefährten, sondern zu unmittelbaren Vollstreckern des Todes.
Die Massenmörder entkoppelten sich durch ihre Taten Schritt für Schritt von den seelischen Strukturen – dem menschlichen Kern –, die Menschen zu einfühlsamen und gegenüber ihren Mitmenschen fürsorglichen Wesen machen. Sie entledigten sich schließlich ihrer Liebe. Der Wiener Polizeisekretär Walter Mattner war im Oktober 1941 an einer Massenhinrichtung in Mogiljow in Belarus beteiligt. In einem Brief an seine Frau beschrieb er die verhängnisvolle Entwicklung zur Selbstentmenschlichung, die zu dieser extremen Form der Täterschaft führte. Zu Beginn empfand er noch menschlich und rang mit seinem Gewissen; bald hörte er auf zu ringen und tötete, ohne etwas zu empfinden. Man kann nicht menschlich fühlen und gleichzeitig derart unmenschliche Verbrechen begehen: „Bei den ersten Wagen [mit Opfern] hat mir die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt [sich an] das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoß sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge.“
Die transgenerationelle Weitergabe
Die Täter und Mittäter leugneten auch nach dem Ende der Verbrechen die Schuld. Sie waren nicht gewillt, sich mit ihrer Unmenschlichkeit zu konfrontieren. Fast alle plädierten vor Gericht auf „nicht schuldig“. Gerhard Sommer, ein ehemaliger deutscher SS-Untersturmführer der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS", der an einem Massaker in dem italienischen Dorf Sant'Anna di Stazzema beteiligt war und wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ verurteilt wurde, sagte im Interview: „Für mich ist diese Zeit erledigt. Ich habe mir keinerlei Vorwürfe zu machen.“ Und Klaus Konrad, der am Massaker in San Polo beteiligt war, sagte: „Ich bin von dieser Angelegenheit heutzutage nicht mehr sonderlich berührt. Ich habe mich nie in der Sache irgendwie schuldig gefühlt.“
In solchen Aussagen offenbart sich die tief verborgene, selbstverursachte Verkrüppelung des Menschseins solcher Täter – die Selbstentmenschlichung –, die sich hinter der Pose der Normalität versteckt. Menschen, deren Fähigkeit, Schuldbewusstsein zu empfinden, wenn sie schwerste Verbrechen begangen haben, verloren gegangen ist, haben sich längst ihres menschlichen Antlitzes entledigt. Da sie keine Schuld- und Schamgefühle zuließen, konnten sie weder zur Einsicht kommen noch Reue zeigen. So blieben die Schuld- und die Schamgefühle verdrängt und abgespalten. Hinzu kamen (berechtigte) Rache- und Bestrafungsängste, die im Unbewussten weiterlebten. Darüber hinaus erzeugten unterdrückte Selbstverurteilung und Selbsthass auf das schuldig gewordene Selbst Gefühle von Schlechtsein und Wertlosigkeit, die ebenso abgewehrt wurden. Sie hinterließen in der Tiefe schwere Schädigungen des Selbstwerts und des Selbstbilds. Diese schwer belastende, weil nicht eingestandene, gegen das eigene Selbst gerichtete Schulddynamik wurde in einer Art „Krypta“ verschlossen und vergraben (Brunner, 2011).
Nachhall der NS-Ideologie und ihre Folgen für die Nachkommen
Aber auch die nie aufgegebene menschenverachtende NS-Ideologie wurde auf diese Weise tief eingegraben – jederzeit bereit, wieder aufzuerstehen. In der Latenz bildete sich eine unberührbare „Todeszone“ bei den Tätern. Der unverarbeitete Inhalt der „Krypta“ – das mit Verurteilung belegte Selbstbild samt den aus der Schuld hervorgegangenen Emotionen – landete über unbewusste Mechanismen der transgenerationellen Weitergabe als Gefühlserbschaften in den Seelen ihrer Kinder. Obwohl die Quelle dieser Gefühle in Handlungen vergangener Generationen liegt, empfinden die Nachkommen, als stammten sie von eigenen Erfahrungen – ohne sie konkret zuordnen zu können. In den 1960er, 70er und noch in den 80er Jahren wurden Deutsche im Ausland nicht selten beschimpft oder gar angespuckt. Die Betroffenen, meist nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen, empfanden Schuld- und Schamgefühle, statt sich über die Respektlosigkeit zu empören – als hätten sie selbst die Verbrechen begangen. Und auch heute ist häufig die Rede von den „deutschen Schuldgefühlen“ in der öffentlichen Diskussion um Antisemitismus oder um den Krieg in Israel/Gaza, obwohl kaum ein Täter mehr lebt. Die Gefühlserbschaften können Symptome verursachen wie Ängste, Depressionen oder auch psychosomatische Beschwerden. Der vermutlich schwerwiegendste Konflikt, mit dem die Nachkommen der Täter konfrontiert sind, ist der zwischen der (kindlichen) Liebe zum Täter-Elternteil oder -Großelternteil und der Verurteilung aufgrund der Taten, wenn sie ans Tageslicht kommen. Schließlich kann die antisemitische NS-Ideologie latent weiterleben und sich wieder Ausdruck in den neuen juden- und fremdenfeindlichen Haltungen der rechtsextremen Tendenzen verschaffen. Auch der Philosemitismus kann als Abwehr tradierter antisemitischer Haltungen dienen.
Bibliografie
Joachim Bauer, Das empathische Gen. Humanität, das Gute und die Bestimmung des Menschen. Herder, Freiburg i. Br., 2021.
Markus Brunner, Trauma, Krypta, rätselhafte Botschaft. Einige Überlegungen zur intergenerationellen Konfliktdynamik, in: psychosozial 34 (2011), Bd. 124, S. 43–59.
Albert Camus, Sämtliche Dramen. Übersetzt von Uli Aumüller und Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt, Hamburg, 2014.
Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2008.
Arno Gruen, Der Fremde in uns. Klett-Cotta, Stuttgart, 2001.
Christian Keysers, Unser empathisches Gehirn. Warum wir verstehen, was andere fühlen. Bertelsmann, München, 2013.
Peter Pogany-Wnendt, Der Wert der Menschlichkeit. Psychologische Perspektiven für eine Humanisierung der Gesellschaft. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2019.
Olivier Roy, „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors. Siedler, München, 2017.